Themenschwerpunkt

Ene, mene, muh ... Kindergeschichten

Dinge der Kindheit - kleine Helden erobern das Museum

Im Jahr 2017 haben wir die Arbeit im Freilichtmuseum durch die Kinderbrille gesehen. Mit der Ausstellung „Ene, mene, muh – Dinge der Kindheit“ wurde diese Gruppe ein ganzes Jahr lang in den Mittelpunkt unseres Museums gestellt. Aber dreht sich nicht sowieso alles um die Kinder?

Das Thema Kindheit ist ein fester Bestandteil im Leben aller Menschen und oft mit schönen, manchmal auch weniger schönen Erinnerungen verbunden. Im Gespräch mit Kindern zeigt sich, dass sich die Spiel- und Erfahrungswelten in dieser Lebensphase, besonders in den letzten Jahrzehnten, deutlich gewandelt haben. Hier lassen sich gesellschaftliche Veränderungen eingehend erkennen. Manchmal vergessen wir, welchen prägenden Einfluss die äußeren Lebensbedingungen auf unsere Kindheit und somit auf unsere Entwicklung haben. 

Einem Presseaufruf im November 2016 zur Einlieferung von Kindheitsobjekten für unsere Ausstellung folgte eine bunte Mischung an Angeboten von rund einhundert Privatpersonen. Welcher materielle Wert den angebotenen Objekten inne lag, spielte dabei keine Rolle. Ziel war es, den ideellen Wert für die Besitzerinnen und Besitzer herauszustellen und Exponate mit einer starken persönlichen Geschichte zusammenzustellen. Dabei spielten nicht nur schöne Erinnerungen eine Rolle.

Die gesammelten persönlichen Geschichten gaben uns Einblicke in das Leben der ehemaligen Besitzer und Besitzerinnen. Sie berichteten von ihren Familienverhältnissen, Hoffnungen, Ängsten und Vorlieben. Gleichzeitig offenbarten sie viel über die Zeit, in der die Besitzer aufgewachsen sind, sowie über die damaligen gesellschaftlichen Verhältnisse und Konsumgewohnheiten. Durch diese vielen individuellen Geschichten werden größere historische Zusammenhänge sichtbar und die Veränderungen der Kindheit im Verlauf des 20. Jahrhunderts deutlich.

Ein Blick in die Ausstellung

Das Kinderzimmer - ein Raum für Kinder!

Ein eigenes Kinderzimmer war für die allermeisten Kinder und Jugendlichen bis in die 1970er Jahre nahezu unvorstellbar. Viele Kinder in Stadt und Land verfügten lange nicht einmal über ein eigenes Bett, sondern mussten es mit Geschwistern teilen.

Erst mit den neu errichteten Eigenheimen und Wohnungen der Nachkriegszeit wurden Kinderzimmer fester Bestandteil der Wohnungen. Aus einem früheren Privileg reicher Kinder entwickelte sich ein Standardraum. 

Die Kinder dürfen heute ihre neue Spieloase mitgestalten. Die kontrollierende Anwesenheit der Eltern nimmt mit zunehmendem Alter ab. Das Kinderzimmer wird zum Rückzugsraum und Hoheitsgebiet der Kinder.

Schule - Disziplin und Gehorsam

Gemeinschaftsunterricht in Einklassenschulen, kriegsbedingtes Notabitur, strenge Lehrer, Nonnenschulen, Kurzschuljahre und übervolle Klassen der geburtenstarken Jahrgänge prägen Schulerinnerungen der letzten 100 Jahre. 

Erst in den 1960er Jahren setzte sich der gemeinsame Unterricht von Jungen und Mädchen durch. Wahlfächer wurden eingeführt. Die Kinder sollten sich freier entfalten können. Die Bildung von Mädchen wurde mehr gefördert. Das gesamte Schulsystem wurde durchlässiger. Die Zahl der Schüler pro Klasse sank entscheidend. 

Mit der stärkeren Verbreitung der Ganztagsschulen entwickelt die Schule immer mehr zum zentralen Lebensort der Schülerinnen und Schüler. Das bedeutet große Veränderungen für Kinder, Eltern und Lehrer.

Arbeiten wie die Großen - mach das mal eben!

Mit der Einführung des Kinderschutzgesetzes am 1. Januar 1904 in Preußen wurden erstmals die Altersgrenzen für Kinderarbeit geregelt. Kinder in Fabriken mussten nun mindestens 14 Jahre alt sein. Doch in der Forst- und Landwirtschaft sowie in Familienbetrieben blieben diese Grenzen lange vage.

Ausbeuterische Kinderarbeit gilt weltweit als Verletzung der Menschenrechte. Der Kampf für eine gerechte Behandlung ist bis heute noch nicht beendet. Organisationen wie UNICEF streben eine Abschaffung der Kinderarbeit bis 2025 an.

In Deutschland gilt Kinderarbeit faktisch als abgeschafft, dennoch ist davon auszugehen, dass es immer noch zu Ausbeutung von Kindern kommt.

Draußen - geh doch mal raus!

Das freie Spiel auf der Straße, im Hof, im Stadtviertel oder im Wald fördert die Kreativität und den Gemeinschaftssinn und entspricht dem Bewegungsdrang der Kinder. Kinder früherer Generationen nutzten die vielfältigen unbeaufsichtigten Spielräume, in denen sie sich allein oder in Gruppen bewegen konnten.

Große Veränderungen im Straßenverkehr haben Freiräume von Kindern eingeschränkt. Aber auch die Regeln und Strukturen von Kindergärten, Schulen und Vereinen begrenzen das „freie“ Spielen durch geordnete Abläufe.

Fernsehen und Computer im Haus entführen Kinder in neue digitale Welten.

Gute Besserung!

Die Mutter der Stifterin dieses Spielzeuggeschirrs hatte als kleines Kind Anfang des 20. Jahrhunderts einen schlimmen Unfall: Mit gerade mal zwei Jahren fiel sie in einen Zuber mit kochend heißem Wasser und erlitt dabei schwere Verbrennungen. Dank viel Trinken und täglichen Verbandswechseln konnte der Hausarzt der Familie sie retten.

Zur Genesung schenkte der Arzt dem kleinen Mädchen dieses Kindergeschirr. Es wurde regelmäßig abgestaubt und auf dem Schrank präsentiert, genau wie das "richtige" Geschirr der Erwachsenen im Wohnzimmer und in der Küche.

 

Bahn frei!

Der Rodelschlitten entwickelte sich als Freizeitgerät aus alpenländischen Schlittenformen. Er wird traditionell aus Eschen- oder Buchenholz mit eisenbeschlagenen Kufen gefertigt. Heute gibt es auch Modelle aus Kunststoff.

Dieser Schlitten wurde von drei Generationen der Stifterfamilie aus dem Hochsauerland genutzt.

Vorbildlich!

In den 1960er Jahren erbte die Stifterin diese Puppenstube von ihrer Mutter.

Ihr Vater, ein gelernter Dekorateur, renovierte die Stube und passte sie dem Zeitgeschmack an: 

“Mein Vater klebte die DC-Fix-Folie und die Medaillons auf die Möbel. Er liebte dieses Material! Der Fußboden ist sicher auch daraus. Mit zehn Jahren bekam ich ein (echtes) neues Zimmer, mit grauem Nadelfilz und einer ähnlichen Tapete (…), mit eben solchen Biedermeier-Medaillons mit Rosen und weißen Korbmöbeln.”

Kindheit ist nicht immer schön oder einfach. 

Die guten wie auch die schlechten Erinnerungen prägen unsere Entwicklung. Daher sollten negative Erfahrungen in der Kindheit nicht ausgeklammert werden. Um die ganze Bandbreite von guten bis negativen Erfahrungen zu dokumentieren wird deshalb auch die körperliche Züchtigung von Kindern in der Sammlung thematisiert. 

Mehrschwänzige Peitschen, wie diese, wurden ursprünglich für das Ausschlagen von Teppichen und Uniformmänteln verwendet. Sie waren in vielen Haushalten des 19. Jahrhunderts verbreitet. Die Großmutter des Stifters, eine zweifache Kriegerwitwe, erzog ihre Kinder allein und nutzte solche Peitschen zur Züchtigung. Der Stifter, selbst als Kind mit der Peitsche geschlagen, fand Erleichterung darin, sie dem Freilichtmuseum zu übergeben. Gegenstände wie Ledergürtel und Peitschen wurden bis in die 1970er Jahre zur körperlichen Züchtigung verwendet. 

Seit 2000 ist das Schlagen von Kindern durch das „Gesetz zur Ächtung von Gewalt in der Erziehung“ verboten.

Die Ausstellungsobjekte