Interview mit Gerd Rosenkranz

Könntest Du Dich einmal vorstellen mit Namen, Alter und Beruf?

„Ich bin Gerd Rosenkranz. Ich bin am 20.10.1950 hier in Marsberg in der Paulinenstraße auf einem Bügeltisch geboren. Es gab zwar ein Krankenhaus, aber es ging so schnell, dass ich dann zu Hause entbunden wurde. Erst habe ich die Volksschule besucht und später auf Anregung meines Vaters eine Malerlehre gemacht, obwohl ich das gar nicht wollte. Der hat einen Tag vorher gesagt: „Du gehst da hin“. Das war damals noch üblich. Und so bin ich dann in die Malerlehre gekommen, hier in Marsberg. 

Später bin ich zur Bundeswehr gegangen und habe dort eine Krankenpflegeausbildung gemacht. Und unter anderem in den Bundeswehrkrankenhäusern in München, in Hamburg und in Ulm gearbeitet. Ein Mann in der Krankenpflege, das war in dieser Zeit noch etwas Besonderes. Ich habe mich stetig weitergebildet und 1988 in Warburg die Leitung des Krankenhauses übernommen. 2006 bin ich vorzeitig in den Ruhestand gegangen. Seit 2007 bin ich im Förderverein Historisches Obermarsberg e.V. aktiv. Im Jahr 2011 habe ich noch eine zweijährige Ausbildung angefangen. Nun bin ich zertifizierter Natur- und Landschaftsparkführer und Geoparkführer.“

In welchem Zusammenhang hast Du den Trafoturm kennengelernt?

„Der Trafoturm war für mich als Kind ein Rückzugsort. Wenn ich mittags nach der Schule zu Hause ankam, gab es Mittagessen. Danach habe ich meine Schulaufgaben gemacht - meistens, nicht immer. Und dann waren wir Kinder weg. Meine Eltern erwarteten, dass wir abends pünktlich wieder da waren. Wo wir waren, hat niemand interessiert. 

Gleichzeitig war es so, dass wir uns nicht gegenseitig besuchten. Ich war nie in den Häusern meiner Freunde. Wir haben uns nur draußen getroffen. Einer ging vor die Tür und pfiff und dann haben wir uns überlegt, was wir gemeinsam machen. Ihr müsst euch vorstellen, dass die Situation damals anders war: Meine Mutter war immer zu Hause, auch die Mütter meiner Freunde gingen nicht arbeiten. Also wenn man in der Nähe des Hauses blieb, konnte man auch nicht machen was man wollte. Ich habe immer versucht weit wegzugehen. 

Diese Gelegenheit ergab sich in der Nähe des Trafoturms. Da waren Holzlagerplätze, die waren ideal zum Spielen. Aber da war auch jemand, der aufpasste. Ein Kriegsversehrter mit dem Spitznamen Stapelhennes, er hatte ein Holzbein und war immer schlecht gelaunt. Wenn er uns erwischt hat, kriegte man mit einem Stock was drüber. Wir haben natürlich versucht, ihm zu entwischen und sind einfach über die Bahngleise gelaufen. Damals war am Bahnhof fast genau so viel los wie heute auch - nämlich fast gar nichts. Wenn man dann auf der anderen Seite war, stand dort der Trafoturm, da konnte man sich dahinter verstecken.

Ganz in der Nähe gab es auch einen Schrottplatz, da standen alte Autos rum. Kein Mensch hatte zu der Zeit ein Auto, aber da standen eben welche rum. Wir haben dort viel gespielt, da konnte man sich in die Autos setzen und so tun, als ob man fährt. Die Autos hatten besondere Chrom-Schriftzüge, die gibt es heute gar nicht mehr so. 

Der Opel Kadett hatte das, der Opel Olympia und auch der Mercedes Benz. Wir haben die alle sauber abgemacht und an unseren Fahrrädern befestigt. Spielen durfte man auf dem Platz natürlich nicht, auch da wurde aufgepasst und man musste immer wieder schnell verschwinden. Da kommt der Trafoturm wieder ins Spiel. 

Der gehörte niemanden und man konnte sagen: „Bitte, ich bin hier, ihr könnt ja gar nichts mit mir machen“. Dazu fiel das Gelände zum Turm auch noch ab. Man konnte also mit blitzartiger Geschwindigkeit über die ganzen Gleise springen und dann die Böschung runter, und dann war man weg. Dieser Schrottplatz hatte noch eine besondere Eigenschaft für uns Kinder: Die kauften Altmetalle an. Wir haben also, wenn wir unterwegs waren und irgendwo ein Stück Blech gefunden haben, das für wenig Geld verkauft. 

An das ganze Umfeld des Bahnhofs und des Trafoturms habe ich unheimlich viele Erinnerungen. Es war ein toller Spielplatz. Wenn man überlegt, die Bahnhofstraße runter, da war überhaupt noch kein Haus. Da waren nur Gärten und diese dienten der Versorgung. Da saß keiner und grillte, sondern dort wurde den ganzen Tag gearbeitet. Gehackt, gegraben, geerntet und so weiter. Und wir sind da mitten durch, was wir natürlich nicht durften. 

Dies beschreibt so die Zeit, als ich sechs, sieben Jahre alt war. Wir waren in der Zeit einfach weg. Es hat sich keiner dafür interessiert, was wir gemacht haben. Um sechs Uhr musstest du zu Hause sein. Ich hatte aber keine Uhr. Das ging also alles nur über den Kirchturm, über die Glocken oder über den Pfiff meines Vaters. Der konnte auf zwei Finger pfeifen. Ich habe immer zugesehen, dass ich so weit weg war, dass ich den Pfiff nicht hören konnte. Da konnte ich immer mit Fug und Recht sagen: „Ich habe dich nicht gehört“, dann brauchte ich nicht lügen.“

Wie sah der Trafoturm aus, als er noch stand?

„Der war weiß, aber relativ schmuddelig, mit ziemlich rauem Putz. Aber an was ich mich auch erinnern kann: Der Turm brummte, da waren immer Geräusche. Ich habe mir damals keine großen Gedanken gemacht, wofür der eigentlich da war und was da gemacht wurde. Es gab die große Ising Mühle. Alles was auf den Feldern geerntet wurde, musste zur Mühle gefahren werden. Und dafür ist der Trafoturm da gewesen, um diese Großverbraucher mit Elektrizität zu versorgen.“

Wie würdest Du die Umgebung um den Trafoturm herum noch so beschreiben?

„Ungepflegt, schmuddelig, mit Wildwuchs von Brennnesseln. Auf dem Schrottplatz lag alles rum. Öl wurde einfach ausgekippt, da wurde früher nicht drauf geachtet. Wenn man dahinging, wurde man dreckig. Es gab auch keinen richtigen Zaun. Später wurde das alles neu gemacht. Daneben war diese Ruine dieser alten Schiefertafelfabrik. Durch den Sägewerksbetrieb lag alles voller Sägemehl. Das flog durch die Gegend, wenn es windig war. Auch der Bahnhof war schmuddelig. Es war eigentlich alles schmuddelig. So ordentlich, wie heute, war es nicht.“

Und welche Bedeutung hatte der Trafoturm für Marsberg oder für die Menschen in der Umgebung?

„Die Menschen haben sich keine großen Gedanken über den Turm gemacht. Der war einfach da. Ich glaube nicht, dass der Trafoturm eine besondere Bedeutung hatte für die Stadt. Und ich habe mich damals auch gewundert, als meine Mutter erzählte, dass der abgebaut wird und ins Museum gebracht wird."

Gab es sonst noch typische Situationen oder Erlebnisse, die Du mit dem Ort verbindest?

„Wie gesagt, wir haben dort viel gespielt und die Gemeinschaft, die wir hatten. Man hat sich auch gehauen, es ging alles ein bisschen hemdsärmeliger zu. Es gab kein Handy, keine Zeitung, kein Fernsehen. Alles ging über Laufnachrichten, man hat Neuigkeiten so weitergegeben. Ich kann mich erinnern, dass wir uns an diesem Trafoturm oft getroffen haben.“

Gibt es sonst noch irgendwelche besonderen Erinnerungen oder Geschichten, die Du mit dem Turm verbindest?

„Ich denke, wenn wir noch länger drüber sprechen, wird mir sicher die ein oder andere einfallen. Wichtig war, dass man sich sicher fühlen konnte: dahinter war die hohe Böschung und man war eben von vier Seiten geschützt. Und wenn einer kam, konnte man sich auf der Rückseite verstecken.

Die Leute saßen abends am Sonntag oder auch werktags, gerade im Sommer, alle auf der Straße vor ihren Häusern. Heute haben die Menschen viel mehr Freizeit, sind aber gar nicht da. Es gab früher keine Hecken, keine Zäune, so wie heute. Sondern die Gärten waren offen. Dann hatte viele, zum Beispiel in der Paulinenstraße, noch ein Schwein im Keller. Und hinter dem Haus fünf Hühner und Karnickel oder sonst irgendwas. Und es gab so eine ganz andere Verbundenheit.

Auf der anderen Seite war man aber sehr förmlich. Heute ist das anders. Der Umgang miteinander in der Öffentlichkeit, das ist schöner geworden. Ich habe heute das Gefühl, dass wir eine ganz strenge, streng kontrollierte Hierarchie zu Hause hatten. Zum Beispiel durften wir beim Essen nicht reden oder lachen. 

Und wenn ich etwas nicht essen wollte oder oder nicht zu Ende gegessen hatte, dann gab es das abends wieder. Allerdings musste ich dann auf der Kellertreppe essen, nicht am Tisch. In der Schule war es auch streng. Wir sind noch regelmäßig geschlagen worden. Mit dem Stock in die Hand oder es wurden uns die Finger zusammengedrückt als ich Messdiener war. 

Es war eine Katastrophe, es wurde aber nicht so wahrgenommen. Es wurde nicht drüber gesprochen oder erklärt, was du falsch gemacht hast, sondern es wurde sofort bestraft. Sofort. Und dann war da eben dieses Refugium, der Schrottplatz, Trafoturm und Holzplatz am Bahnhof. Das war ein Freiraum, den wir einfach genossen haben. Hier galten die strengen Regeln eben nicht, da gab es nur unsere Gesetze. Die waren auch robust, aber es waren eben andere. Das sind so aus meiner Erinnerung die Dinge, die mir einfallen und ich glaube, sie sind wichtig, wichtig auch für meine persönliche Entwicklung.“

Und hat sich Deine Sicht auf den Trafoturm im Laufe der Zeit verändert? Und wenn ja, warum?

„Die verändert sich jetzt gerade durchs Erzählen. Ich habe seine Funktion so nie wahrgenommen. Der Trafoturm war ein Teil meiner Welt, meiner kleinen Welt damals. Er hat jetzt rückblickend eine etwas stärkere Bedeutung. Den Turm will ich mir einfach nochmal genauer angucken.“

Und wie hast Du vom Abbau des Trafoturms erfahren?

„Meine Mutter hat mir einen Ausschnitt aus dem Diemelboten geschickt. Da stand das drin.“

Und was hast Du in dem Moment gedacht oder gefühlt?

„Ich habe darüber nicht viel nachgedacht damals. Wir haben gesagt, so ein Ding, das hat denen wahrscheinlich auch irgendwie noch gefehlt. Ich weiß gar nicht, wie die darauf gekommen sind. Solche Türme stehen ja überall rum oder standen überall rum. Es gab ja nicht wenige davon. Nur meistens standen sie nicht im bebauten Bereich, sondern irgendwo in der Landschaft.“

Und was hat sich durch den Abbau des Trafoturms für die Umgebung oder für Marsberg verändert?

„Es ist ja nicht nur der Turm abgebaut worden, sondern in dem Zuge ist ja der ganze Müll entfernt worden. Es sind die alten Gebäude weggekommen. Da wurde eine neue Infrastruktur geschaffen, ein bisschen usselig sieht es immer noch da aus. Mittlerweile hat jetzt der Bauhof seinen Platz für Grabsteine da und so weiter.

Heute steht da auch der Lidl drauf, der Aldi, der Rewe. Das war alles Industriegelände mit all diesen Unannehmlichkeiten, die typisch sind. Jeder hatte seinen eigenen Schrottplatz, jeder hatte seinen eigenen Abfallhaufen. Da wurde auch nicht getrennt zwischen Siedlungsabfall und Industrieabfall. Überall waren Ratten und dann dieser Graben hier vorne, der war immer mal wieder rot vom Schlachthof.“

Gab es unterschiedliche Meinungen in der Bevölkerung zum Abbau des Turms?

„Das kann ich nicht sagen, ich war nicht vor Ort.“

Wie findest Du es, dass der Trafoturm im Freilichtmuseum wieder aufgebaut wurde?

„Das finde ich jetzt gut. Damals hat es mich erstaunt, ja gewundert. Ich habe gedacht, in so ein Museum muss was Anderes rein, nicht so ein Stück Industriekultur. Kann ich aber heute verstehen. Ist ja immer so, dass man solche Dinge erst dann betrachtet, wenn sie lange genug zurückliegen. Und das ist mittlerweile auch bei dem Turm so. Jetzt kann ich plötzlich auch den Wert erkennen.“

Warum findest Du es wichtig, dass man sich heute noch an solche Gebäude erinnert?

„Weil, sie haben ja zwei Funktionen. Sie haben ja einmal die Funktion, dass man sich ganz gezielt an das Gebäude erinnert, aber eben auch an das, was ich gerade so erlebe, dieser ganze Kontext, der sich plötzlich entwickelt. Es sind ja nicht nur Erinnerungen an diesen Turm, sondern an das ganze Umfeld, das einen geprägt hat.“

Gibt es noch etwas, das wir nicht gefragt haben, was Dir aber im Zusammenhang mit dem Trafoturm noch wichtig ist?

„Da müsste ich drüber nachdenken. Wie gesagt, früher war der Turm einfach da, und nun erlebe ich es als besonders wertvoll, die Gelegenheit zu haben, alles reflektieren zu können. Ich muss sagen, es ist eine lange Zeit her. Diese Erinnerungen geraten, wenn man weggeht, eigene Kinder hat und berufliche Herausforderungen erlebt, doch in den Hintergrund. 

Es war eine schöne Zeit aus heutiger Sicht. Vieles hat rückblickend seine eigene Bedeutung und ich glaube, wenn man das so sieht, dann bekommt auch das Freilichtmuseum für mich nochmal einen anderen Touch.

Es geht ja nicht nur darum, dass man dann plötzlich vor einem Gebäude steht, sondern um das, was sich darum rankt, die Geschichten und Erinnerungen. Und da ist natürlich so ein Trafoturm vielleicht nicht das ideale Objekt. Umso interessanter ist es für mich festzustellen, dass man aus einem eher langweiligen Objekt etwas machen kann. Und ihr helft dabei. Das ist toll. Also mein Kompliment, dass ihr euch so viel Zeit nehmt und euch damit beschäftigt.“

Ja, super. Vielen Dank für das Interview.

„Ja, bitte, sehr gerne. Immer wieder.“

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