Interview mit Brunhilde Schulte und Josef Mühlenbein

Wir stellen wir uns erst mal vor: Wir sind Greta Schröder und Inga Huber. Würden Sie sich auch kurz vorstellen mit dem Namen und Alter, Beruf und uns dann etwas zum Trafoturm erzählen?

Brunhilde Schulte:
„Ich bin Brunhilde Schulte, geborene Mühlenbein. Mein Bruder und ich sind in der Marsch aufgewachsen, in der Marsch Nummer 8. Unsere Kindheit hat sich also zwischen den Bahngleisen, dem Fluss Diemel und der Bahnbrücke, die über die Diemel führt, abgespielt. Das war der Bereich, in dem wir mit Erlaubnis unserer Eltern spielen durften. Wir haben uns nicht immer streng darangehalten, aber im Prinzip war das so – einschließlich der Wiesen, die hier auf diesem Gelände auch waren. Und dieses Trafohäuschen war wunderbar geeignet zum Verstecken spielen. Denn wenn man sich in dem Bereich versteckte und jemand suchte einen, konnte man immerzu um den Turm herum gehen, ohne dass man gesehen wurde. Andererseits war unsere Mutter besonders besorgt, weil es hieß, da ist Starkstrom drin. Und Starkstrom war etwas, von dem wir Kinder keine Ahnung hatten, aber wir hatten sehr viel Respekt davor. Aber vielleicht kann mein Bruder das ergänzen, der war etwas mutiger beim Spielen, glaube ich.“

Josef Mühlenbein:
„Ja, also ich heiße Josef, bin Jahrgang 1947, hab also ein paar Jährchen auf dem Buckel, etwas weniger als meine Schwester. Das ist das Gebiet, in dem man groß geworden ist und man als Kind damals noch so richtig Kind sein konnte. Es war eine schöne Kindheit. Aber es war auch eine schlimme Zeit, weil alles sehr ärmlich war. Überall in diesen Häusern waren Wohnungen, die unter aller Menschenwürde waren, weil nach dem Kriege mussten alle irgendwie untergebracht werden. Zum Beispiel gab es einen Mann, der immer einen sehr großen Holzhaufen aufschichtete. Ein Kriegsversehrter. Ich glaube, der hatte nur noch ein Bein. Und das waren noch junge Leute eigentlich. Das sind Kindheitserinnerungen, die man ein bisschen weitergeben sollte: Die Zeiten, wie sie heute sind, obwohl sie schlimm sind, doch nicht so schlimm sind, wie sie damals waren. Von der eigentlichen Funktion der Trafostation, hat man als Kind ja wenig gemerkt. Außer, dass man, wie meine Schwester sagte, angehalten wurde, aufzupassen und einen großen Bogen drumherum zu machen.“

Brunhilde Schulte:
„Ja, interessant war, dass es außen noch diese Porzellan- und Glasisolatoren gab. Und ganz viele Außenleitungen, die hinein- und wieder hinausgingen. Die sieht man heute nicht mehr. Das wurde abmontiert.“

Josef Mühlenbein:
„Ja, die ganze Stromversorgung ging noch oberirdisch.“

Brunhilde Schulte:
„Die Stromversorgung in der Stadt fand oberirdisch statt. Es gab so gut wie keine Kabelverbindungen in die Häuser rein, sondern diese Isolatoren, die waren im Stadtbild. Und was so nett war, man konnte dann immer beobachten, wenn sich im Herbst die Schwalben sammelten, dann saßen die auf den Leitungen. Das ist heute nicht mehr so, weil es die Leitungen nicht mehr gibt.

Was noch interessant war, also in meinen Kindheitserinnerungen: Hier gab es eine Spedition, die Spedition Busch. Und wir spielten üblicherweise auf der Straße. Hüpfekästchen, ne? Ich weiß nicht, kennt ihr das noch? Und dann kam ab und zu mal ein Lastwagen. Dann rief einer: „Vorsicht, Auto!“. Dann ging man an die Seite und ließ den Lastwagen passieren und konnte danach weiter auf der Straße spielen. Das ist heute zumindest in Niedermarsberg nicht mehr der Fall.“

Josef Mühlenbein:
„Die Straße war noch nicht asphaltiert, die war beschottert.“

Brunhilde Schulte:
„Das weiß ich gar nicht…“

Josef Mühlenbein:
„Als wir Fahrradfahren lernten, hatten wir immer kaputte Knie.“

Brunhilde Schulte:
„Ach ja, da flogen und spritzten die Steine, wenn der Lastwagen ein bisschen schnell fuhr!“

Josef Mühlenbein:
„Das war eine andere Welt. Es ist noch nicht lange her, aber es war eine andere Welt…“

Dann erinnern Sie sich bewusst an den Ort, also an den Trafoturm?

Brunhilde Schulte:
„Er gehörte zu unserem Spielumfeld.“

Josef Mühlenbein:
„Also ich bin, als ich das letzte Mal in Detmold war, um den Trafoturm drum herumgelaufen. Ich habe mir die Rückseite angeguckt, da müssten von mir noch Kritzeleien dran gewesen sein - aber sie sind nicht mehr da.“

Wie sah der Trafoturm noch aus, als er noch stand?

Josef Mühlenbein:
„Der war weiß gekalkt, hatte Ziegeldächer und ein großes, eisernes Tor. Fenster oder so etwas gab es nicht. Das war alles irgendwie vergittert und brummte.“

Brunhilde Schulte:
„Aber es war nach außen nicht abgegrenzt. Also das Gebäude war nicht nochmal außen herum abgesichert. Man konnte also durchaus an die Türen und Wände fassen.“

Wie würden Sie die Umgebung des Trafoturms beschreiben? Wie war die Atmosphäre, wie waren die Gebäude und die Straßen?

Brunhilde Schulte:
„Abenteuerlich. Hanglage, halb in den Hang hineingebaut.“

Josef Mühlenbein:
„Ja, das war die Steigung.“

Brunhilde Schulte:
„Da wuchsen die Brombeeren, Himbeeren, Giersch. Alles, was so frei in der Natur hier zu Hause war, war dort. Das war ein Damm. Habt ihr euch die Gegend schon mal angesehen? Im Winter konnte man da sogar mit dem Schlitten runterfahren.“

Josef Mühlenbein:
„Das war eine gewaltige Abfahrt.“

Brunhilde Schulte:
„Es war, sagen wir mal, eine halb wilde Umgebung, oder? Würdest du das anders sehen?“

Josef Mühlenbein:
„Ja, es waren Zeiten, da wurde noch kein Unkraut gespritzt. Man hat die Natur sich selbst überlassen.“

Brunhilde Schulte:
„Die Natur hatte freie Hand. Ja. Genau.“

Als der Turm abgebaut wurde, welche Bedeutung hatte das für Sie oder für die Stadt Marsberg oder für die Leute, die in der Umgebung waren?

Josef Mühlenbein:
„Das war in einer Zeit, da waren wir voll woanders beschäftigt. Das hat man gar nicht weiter mitbekommen.“

Brunhilde Schulte:
„Also für mich ging ein Stück Kindheit damit. Ich habe gesehen, wie er aufgeladen wurde. Ich habe voller Faszination drumherum gestanden und hörte zum ersten Mal das Wort Translozierung. Es war für mich schon ein Kindheitsabschied. Obwohl ich schon woanders wohnte und keinen unmittelbaren Bezug mehr dazu hatte. Aber er war halt immer noch im Stadtbild präsent, auch wenn da keine Leitungen mehr rein und raus gingen. Ich habe mich jedes Mal gefreut, wenn ich ihn in Detmold wieder sah.“

Gibt es noch weitere Situationen oder Erlebnisse, die Sie mit diesem Ort verbinden?

Josef Mühlenbein:
„Vor allem den Respekt vor dem Starkstrom.“

Brunhilde Schulte:
„Wenn die Türen aufstanden, durften wir da auch nicht reinkommen. Also, man versuchte mal, um die Ecke zu kommen, zu gucken, aber die Mitarbeiter - es war ja ein Eigentum der VEW, der Vereinigten Elektrizitätswerke - sorgten schon dafür, dass man schnell wieder verschwand. Ansonsten begegnete man dem Gebäude respektvoll, aber ich habe gerne Suchen und Fangen darum gespielt.“

Hatte der Trafoturm für Sie eine persönliche Bedeutung?

Brunhilde Schulte:
„Kindheit.“

Josef Mühlenbein:
„Ja, ein Stück Kindheitsgeschichte.“

Gibt es dann noch besondere Erinnerungen oder Geschichten, die Sie mit dem Turm bis heute noch verbinden?

Josef Mühlenbein:
„Wie soll man Kindheitsgefühle beschreiben? Das ist wie mit Gerüchen, die man sehr lange in Erinnerung behält. Man riecht etwas und verbindet das dann mit Gefühlen. Das war hier aber diese ganze Atmosphäre. Das war Kindheit. Wie soll man so was beschreiben?“

Brunhilde Schulte:
„Ungezwungenheit. Freiheit, ich würde sagen Freiheit.“

Josef Mühlenbein:
„Unsere Kindheit sah ja so aus: Man kam aus der Schule, sah zu, dass man die Schulaufgaben…“

Brunhilde Schulte:
„… konnten nicht schnell genug erledigt sein!“

Josef Mühlenbein:
„Ja, und dann war man hier irgendwo unterwegs.“

Brunhilde Schulte:
„Ja, Freiheit.“

Josef Mühlenbein:
„Freiheit. Und dann hatte ja noch keiner eine Uhr. Handy und so weiter war ja noch nicht erfunden. Das Sägewerk, das dann hier unten war, das hatte als Antrieb eine große Dampfmaschine. Die hatten eine Dampfpfeife, und wenn sie um 5 Uhr Feierabend machten, ließen sie diese Dampfpfeife laufen. Das hieß für uns: Jetzt wird es Zeit, nach Hause zu gehen. Und dann fiel einem ein, was man noch alles zu erledigen hatte auf dem Heimweg…“

Brunhilde Schulte:
„…also spätestens, wenn um 18 Uhr die Kirchenglocken läuteten, dann hatte man zu Hause zu sein.“

Hat sich Ihre Sicht auf den Trafoturm im Laufe der Jahre verändert?

Brunhilde Schulte:
„Ja, der große Respekt, den man als Kind davor hatte, weil man zu Hause die Angst vor dem Strom eingeflößt bekommen hat. Heute haben die Trafos viel höhere Eingangsleistung, ohne dass es noch aufregend ist.“

Wie haben Sie von dem Abbau des Trafoturms erfahren?

Josef Mühlenbein:
„Ich habe in der Zeit in Kassel gearbeitet und war täglich nach Kassel unterwegs. Irgendwie hat man es gar nicht mitgekriegt, das war am Rande.“

Brunhilde Schulte:
„Aus der Zeitung. Ich habe vom ersten bis zum letzten Moment danebengestanden und habe mir das angeschaut. In respektvoller Entfernung, weil das zuerst alles freigelegt werden musste. Und dann kam ein besonderes Fahrzeug. Der Turm wurde auf einen Tieflader angehoben. Aber das Gebäude wurde vorher gesichert mit allen möglichen Balken und Gurten. Das war schon sehr spannend. Tschüss, mach’s gut, schade.“

Und was haben Sie in dem Moment gedacht oder gefühlt?

Brunhilde Schulte:
„Ich war traurig. Es war ein Stück Kindheit, das endgültig ging. Aber das war in den 1990er Jahren, da waren meine Kinder schon geboren. Und es war dann nicht so der direkte Kindheitsabschied, aber so ein Erinnerungsstück aus der Kindheit.“

Was hat sich durch den Abbau des Trafoturms für die Umgebung oder für Marsberg verändert?

Brunhilde Schulte:
„Also die Stromumschaltung, die war schon lange abgestellt. Ich denke, gar nichts.“

Josef Mühlenbein:
„Gar nichts. Die Oberleitungen waren schon verschwunden.“

Brunhilde Schulte:
„Die wenigsten hatten einen Bezug dazu.“

Josef Mühlenbein:
„Das hat kaum jemand wahrgenommen, so würde ich das mal ganz nüchtern sagen. Vielleicht gab es irgendwelche Stimmen dazu, als das Ding ins Museum ging. Der Trafoturm ist ja nichts Besonderes.“

Brunhilde Schulte:
„Ach, vielleicht macht es dich ja ein bisschen stolz, dass er ins Museum kam.“

Josef Mühlenbein:
„Ja. Wobei man ja sagen muss, das Besondere ist immer aufgehoben worden. Und das Nicht-Besondere ist verschwunden. Aber das war das tägliche Leben.“

Wie finden Sie es, dass der Trafoturm im Freilichtmuseum wieder aufgebaut wurde?

Brunhilde Schulte:
„Ja, man findet das gut.“

Was sollte Ihrer Meinung nach in der Ausstellung unbedingt gezeigt oder erklärt werden?

Josef Mühlenbein:
„Ja, so ein bisschen dieses vergangene technische Umfeld. Wie man gearbeitet hat damals. Was man sich heute nicht mehr vorstellen kann, beispielsweise ein holzverarbeitender Industriebetrieb ohne Gabelstapler.“

Brunhilde Schulte:
„Ich bin nicht sicher, dass der Trafoturm gebraucht wurde, um das Sägewerk und die Schiefertafelfabrik zu betreiben. Denn da wurde runtertransformiert auf Haushaltsstärke. Die Darstellung der technischen Funktion halte ich für sehr, sehr wichtig.“

Josef Mühlenbein:
„Ja, es gibt eine Tafel am Trafoturm, auf der das erklärt wird.“

Brunhilde Schulte:
„Habe ich die jemals durchgelesen? Ich habe wahrscheinlich immer nur den Turm wahrgenommen.“

Josef Mühlenbein:
„Aber jetzt steht ja bei uns wieder eine Trafostation hinter der Feuerwehr. Nur etwas handlicher.“

Brunhilde Schulte:
„Wir haben eine auf dem eigenen Gelände. Da kommen 34 kV an. Und nicht nur 5, wie damals im Trafoturm.“

Warum finden Sie es wichtig, dass man den Turm erhält oder sich heute noch daran erinnert?

Josef Mühlenbein:
„Weil das ein Stück des täglichen Lebens früher war, der täglichen Versorgung.“

Brunhilde Schulte:
„Ja, alte Technik, nicht digital geschaltet, immer nur von Hand. Wenn irgendwas war, musste jemand hingehen und musste gucken, ob alles in Ordnung ist. Das lief nicht irgendwo auf einer App auf.“

Josef Mühlenbein:
„Ja, und wir haben noch in einer Zeit gelebt, in der abends auf einmal die Deckenbeleuchtung anfing zu flimmern. Dann war der Strom weg. Man hatte immer ein paar Kerzen in der Ecke stehen.

Und irgendwann, da ging man raus und sah, dass in der ganzen Stadt der Strom weg ist. Kann man sich heute nicht mehr vorstellen, wie dunkel das dann war.“

Brunhilde Schulte:
„Ja, zu Kriegszeiten sowieso.“

Josef Mühlenbein:
„Die habe ich ja nicht mehr gekannt, aber das war bis Anfang der 1960er Jahre noch so. Unsichere Stromversorgung.“

Dann kommen wir auch schon zu unserer letzten Frage, zu unserem Abschluss. Gibt es noch etwas, das Sie hinzufügen wollen, oder gibt es noch irgendeine Erinnerung, die Sie uns vielleicht mitteilen wollen?

Brunhilde Schulte:
„Toll, dass ihr das aufarbeitet. Finde ich super. Einfach schön, die Geschichte aufzuarbeiten.“

Josef Mühlenbein:
„Ja, selber hätte man da auch nicht mehr so dran gedacht.“

Brunhilde Schulte:
„Wenn wir mal nicht mehr sind, gibt es niemanden mehr, der sich daran erinnert, wie das war, als der Turm noch in Funktion war.“

Darf ich noch was fragen? Wie fühlen Sie sich als Zeitzeugen, so Aussagen machen zu dürfen, Erinnerungen zu teilen, die dann später ausgestellt werden?

Josef Mühlenbein:
„Das finde ich gut. So können wir noch ein bisschen Erinnerung abgeben, wie es mal aussah. Dass man so ein bisschen die Vergangenheit weitergeben kann. Und auch solche Sachen wie diesen technischen Fortschritt, der so schleichend gegangen ist, aber der doch ein unheimlicher Quantensprung war, wenn man so will. Was für eine Arbeit früher dahinter steckte, irgendwas zu machen. Und für uns ist es wirklich schön, dass man sich selber wieder mal zurückerinnern kann.“

Brunhilde Schulte:
„Ja, und so ein Turm war irgendwie ein spannender Gegenstand, genauso wie das Sägewerk. Nicht so ganz neutral wie vielleicht ein Rinderstall oder was, sondern schon so ein bisschen spannend. Und er machte auch ein Geräusch, so ein Summgeräusch. Auf jeden Fall toll, dass ihr euch dafür interessiert.“

Diese Seite teilen

Objekt teilen — LWL-Freilichtmuseum Detmold