Interview mit Rolf Dicke
Könnten Sie sich kurz vorstellen?
„Also mein Name ist Rolf Dicke. Ich werde im Mai 64 Jahre und bin gebürtig aus Bredelar. Bin nun aber schon seit über 30 Jahren in der Fremde. Ich habe 1985 hier in Marsberg als junger Monteur angefangen, als Monteur im E–Netzbetrieb, bei der alten VEW, das waren die Vereinigten Elektrizitätswerke Westfalen – die gibt es schon lange nicht mehr.
Als die ersten Probleme in der Energieversorgung auftraten, da sind viele Unternehmen zusammengelegt worden, haben fusioniert. Unsere Betriebsstelle war hier in Marsberg und später in Ohmberg. Da bin ich zehn Jahre gewesen und habe 1995 meine erste Meisterstelle angetreten, damals auch noch bei der VEW. Und dann bin ich beruflich nach Schmalberg gegangen.“
Und in welchem Zusammenhang haben Sie den Trafoturm kennengelernt?
„Wir haben ja das gesamte Marsberger Stadtgebiet betreut, die ganze Stromversorgung. Und ich habe die Station als junger Monteur kennengelernt, wenn wir Wartungs– und Instandhaltungsarbeiten oder Störungsbeseitigungen durchgeführt haben. Auch mussten oft durch Baumaßnahmen Netze umgeschaltet werden.
In dem Trafoturm wurden viele Schalthandlungen durchgeführt, das waren so unsere Kernaufgaben. Ich würde sagen, fast zehn Jahre lang ist dieser Turm gelegentlich eine unserer Arbeitsstätten gewesen. Man hatte nicht jede Woche da zu tun, manchmal brauchte man auch ein ganzes oder zwei Jahre nicht dahin.“
Wie sah der Trafoturm aus, als er noch stand – also bevor er abgebaut wurde und ins LWL– Freilichtmuseum kam?
„Also ich habe mir die Museums–App runtergeladen, ich habe mal geguckt, wie er aussieht, und genau so ist das gewesen. Ich weiß nicht mehr genau, ob der Trafoturm damals in einem Stück weggenommen wurde, oder ob der halbiert wurde. Ah, der wurde halbiert.“
Und wie würden Sie die Umgebung vom Trafoturm beschreiben, zum Beispiel ob da viel Natur war oder Straßen und wie die Atmosphäre da war?
„Ja, die Atmosphäre war für uns Arbeit. Man hat da keinen persönlichen Bezug, das ist für uns nichts Besonderes gewesen. Die Station stand etwas abseits vom Straßenrand. Da wuchs das Gras hoch – daher gingen regelmäßig zwei, drei Männer der Gärtnerei vorbei, und dann wurde da sauber gemacht.
Der Weg zur Station hin, der war nach meiner Erinnerung geschottert, dass man sauberen Fußes dahin kam. Auf der anderen Straßenseite, da standen ja dann schon die Wohnhäuser. Man hat da auch schon mal Abfall oder Flaschen gefunden, wenn vielleicht welche da mal eine Fete gefeiert haben. Aber sonst ist da eigentlich nie was gewesen.“
Wissen Sie, welche Bedeutung der Trafoturm für Marsberg oder für die Menschen in der Umgebung hatte?
„Also für die Kernstadt Marsberg als solche sicherlich eine geringere Bedeutung. Dazu müsste man natürlich erklären, wie so ein Netz aufgebaut ist. Alle paar hundert Meter steht hier so ein Trafoturm in unterschiedlicher Bauweise.
Es gibt die gemauerten, das war eigentlich so eine Nachfolgevariante dieser Turmstation, die aber alle so ähnlich aussehen wie eine Garage. Die einen haben ein Flachdach, manche haben nachträglich ein Satteldach bekommen, weil ein Flachdach sich im Sauerland nicht bewährt hat aufgrund der Witterungen – da bleibt Wasser drauf stehen und das hat zu Undichtigkeiten geführt.
Und heute hat man eine Kleinstation, auch Kompaktstation, wir sagen auch Würfel dazu. Die haben so 2,50 Meter oder 3 Meter mal 3 Meter. Da ist die gleiche Technik drin, die früher in so einem Turm verbaut war. Die Technik hat sich ja weiterentwickelt. Von sogenannten luftisolierten Anlagen zu SF6–Anlagen. Die sind ein bisschen problematisch für die Umwelt, wenn die undicht werden, aber das würde jetzt wahrscheinlich zu weit führen.
Zum zweiten Teil der Frage: Für die Nachbarn in dem Umfeld, da ist so eine Station natürlich wichtig. Man muss sich das so vorstellen: Man speist so eine Station mit 10.000 Volt. Da drin ist ein Transformator, der transformiert das runter auf 230 bzw. 400 Volt. Und wer in der Nähe so einer Station wohnt, der hatte natürlich einen Vorteil. Der war sehr nah an der Einspeisung und hatte natürlich immer eine schöne, konstante Spannung. Früher kannte man das noch, dass das Licht geflackert hat, zum Beispiel wenn man weit außerhalb wohnte. Und solche Trafo–Stationen sind in einem sogenannten Ringnetz gebaut worden. Das heißt, man konnte im Störfall, innerhalb kürzerer Zeit die Station von der anderen Seite wieder einspeisen.
Für die Kernstadt, ist die Station relativ unwichtig gewesen, da ist eigentlich das große Umspannwerk interessanter. Da kommt eine große Freileitung an mit 110.000 Volt und von diesem Gebäude aus gehen zig Kabel in alle Richtungen. Und das ist in der Regel, nicht überall, aber eigentlich zu 99 Prozent als Ringnetz aufgebaut, damit man diese Versorgungssicherheit sicherstellen konnte. Wenn so eine Station ausgeschaltet wurde, für Wartungsarbeiten, konnten wir auch das sogenannte Niederspannungsnetz umschalten, also diese 230 bzw. 400 Volt, sodass der Kunde teilweise gar nicht gemerkt hat, wenn wir darin gearbeitet haben.“
Und was hat der Trafoturm Ihnen persönlich bedeutet? Also gibt es da irgendwas Besonderes?
„Nein, am Anfang, wenn man jung ist in so einer Firma und sieht diese unterschiedlichen Bauweisen, dann muss man natürlich erstmal viel lernen. Zum Beispiel von den älteren Kollegen.
Das Schalten da drin ist nicht ohne, also man muss schon das Konzept verstehen, was da läuft, man muss Pläne lesen und man muss so ein Netz verstehen können. Das ist schon wichtig. Aber sonst ist es Arbeit gewesen. Also eine persönliche Bindung zu so einem Gebäude hatte ich eigentlich nicht. Woran ich mich daran erinnern kann, ist, wenn man etwas zum ersten Mal gemacht hat.
Zum Beispiel als ich vier, fünf Jahre in der Firma in Westheim meine erste Station betreut habe und für deren Ausführung ich verantwortlich war. Das vergisst man nicht. Wir haben im Bereich der Trafo–Stationen gearbeitet, die Kabelmontage gemacht und die Freileitungen.
Also jeder bei uns konnte eigentlich alles machen. Ein Energieversorger sollte in der Lage sein, alle aufkommenden Störungen selber auch zu beseitigen. Man musste auch auf Masten klettern. Ein Draht, der durchgerissen war, wenn zum Beispiel ein Baum reingefallen war, musste man wieder miteinander verbinden können.“
Das klingt nach viel Arbeit und hat dann wahrscheinlich auch viel Zeit gekostet, oder?
„Ich sag’s mal so: Beim ersten Mal, wenn man so einen Masten hochklettert, ist der Weg nach oben das größte Ziel. Also ich bin mal abgeschmiert auf dem Mast, aber nicht runtergefallen. Das war auf der Leitung Westheim-Österhof. Das vergisst man auch nicht – da war ich noch ganz jung dabei.
Zu der Zeit gab es nicht so moderne Regenbekleidung wie heute. Es gab so dicke, gelbe, schwere Kleidung. Die war fürchterlich. Und trotz strömenden Regen wurden die Leitungen alle zwei Jahre kontrolliert und das hieß hochklettern.
Als ich oben angekommen war, gingen mir die Füße weg. Habt ihr schon mal jemanden mit Steigeisen gesehen? Das muss man sich vorstellen, wie ein Schuh mit so einer langen Kralle dran. Das war ein 14-Meter-Mast, davon standen zwei Meter in der Erde – also zwölf Meter auf denen ich stand – und dann ging es bergab.
Es ist nichts passiert, man hat einen Gurt, man fällt da nicht einfach auf die Wiese. Aber das muss ich schon ehrlich sagen, da habe ich schon einen Schreck gekriegt. Und ein älterer Kollege, der hat mich dann gefragt: „Was machst du denn hier unten? Die Arbeit ist oben.“ Vergisst man auch nicht, so einen Spruch.“
Meinen Sie, dass sich über die Zeit – also vom ersten Tag, als der Turm dort gestanden hat, bis zum Abbau – etwas verändert hat?
„Also vom ersten Tag an, wo das Ding gebaut wurde, das wird jetzt ungefähr 1920, 1925 gewesen sein, ist sicherlich mal Technik ausgewechselt worden. Früher hatte ein Wohnhaus vielleicht eine Glühbirne im Wohnzimmer und vielleicht eine im Esszimmer. Da war ja die Elektrik in den Häusern nicht so fortgeschritten wie heute. Das heißt, der Transformator wird wahrscheinlich mal ein ganz kleiner gewesen sein.
Die Kunden haben dann vielleicht ihre erste Kreissäge gekriegt oder ihren Hochdruckreiniger oder die Oma wollte einen Elektroherd haben. Die Leistung ging dann nach oben, da wurden natürlich auch die Leistungen in solchen Häusern angepasst. Und das führte dazu, dass der Transformator ausgewechselt worden ist, also ein leistungsstärkerer da reingekommen ist. Aber ich selber kenne keine Bauaktivitäten.“
Haben Sie vom Abbau des Trafoturms erfahren? Waren Sie dabei?
„Dabei leider nicht. Vor Ort war unser Direktor aus Arnsberg. Aber erfahren haben wir das natürlich, auch weil eine neue Station gebaut wurde an etwas anderer Stelle. Die hat ja quasi die Funktion des alten Turms übernommen. Früher traf man sich immer morgens auf der Betriebsstelle zur Besprechung: Du fährst hierhin, du fährst dahin, du machst dies, du machst das und dann ist das sicher erwähnt worden.“
Was haben Sie in dem Moment gedacht oder gefühlt, Sie hatten ja daran viele Erinnerungen, weil Sie da gearbeitet haben?
„Persönlich war ich froh, dass die Trafostation weg war. Die Station ist von der Baugröße so klein gewesen, dass man sich sehr schlecht drin bewegen konnte. Man musste ja in so einem Turm, wenn der Schalter ganz hoch saß, auch in die zweite Etage rein, um da arbeiten zu können. Es ließen sich überhaupt keine Sicherheitsvorschriften mehr einhalten. 1920 waren die Sicherheitsvorschriften auf einem ganz anderen, niedrigeren Level als heute. Heute wird man mit drei Gurten festgeschnallt, dass bloß nichts passiert.
Früher ist noch viel mit blanken Aluschienen gearbeitet worden, also mit blanker Technik. Wer angepackt hat, hat verloren. Heute ist alles isoliert. Heute könnte man so einen Trafo anfassen oder so ein Kabel, wir machen das aber immer noch nicht. Aus diesen technischen Gründen und auch aus Sicherheitsaspekten, ist es auf jeden Fall gut gewesen, dass der Turm weg ist. Es war aber auch gut, dass er ins Museum gekommen ist.“
Weil man da dann nochmal alles darüber, und wie das in der Vergangenheit war, erfahren kann?
„Genau, man kann eigentlich schön vergleichen. Es stehen ja heute noch sehr viele Türme, auch hier noch im Marsberger Raum. Die sind aber dann so groß, dass man sie umbauen konnte, damit die neue Technik in das Gebäude passt. Es gab früher so eine Faustregel: Alles, was kleiner ist als 2 x 2 Meter, kann man nicht ausbauen. Aber da, wo man größere Stationen hat, da ist dann damals auch schon immer sukzessive die alte Technik raus und die neue Technik reingekommen.“
Könnten Sie uns in einfachen Worten erklären, wie der Transformator funktioniert?
„Ein Transformator wandelt elektrische Spannung um – zum Beispiel von 10.000 Volt auf 230 oder 400 Volt, wie wir sie im Haushalt nutzen. Im Inneren befinden sich zwei Spulen und ein Eisenkern. Durch die erste Spule fließt Wechselstrom. Dadurch entsteht ein Magnetfeld, das sich ständig verändert – etwa 50–mal pro Sekunde.
Dieses Magnetfeld wird auf die zweite Spule übertragen. So entsteht dort eine neue Spannung. Wie hoch diese Spannung ist, hängt davon ab, wie die Spulen aufgebaut sind. So kann man genau festlegen, welche Spannung am Ende herauskommt.
Viele Transformatoren sind mit Öl gefüllt. Das Öl sorgt dafür, dass die Bauteile gekühlt und elektrisch isoliert werden. Wenn sich der Transformator erwärmt, dehnt sich das Öl aus und wird in ein Ausdehnungsgefäß gedrückt. Beim Abkühlen fließt es wieder zurück. Heute gibt es auch andere Bauformen, zum Beispiel Transformatoren ohne Öl. Das Grundprinzip ist aber immer gleichgeblieben.“
Und hatte sich die Technik oder Nutzung des Turms im Laufe der Zeit verändert, also von 1924 bis zum Abbau 1997?
„Also die Technik im Turm eigentlich nicht. Der Aufbau ist eigentlich immer der gleiche. Es kommt eine hohe Spannung rein und wird über einen Transformator runtertransformiert, und das Ergebnis ist eigentlich auch immer das gleiche. Also von der Grundtechnik, wie man das macht, ist es bis heute gleichgeblieben. Nur die Bauteile, Schalter, haben sich geändert. Die Ölsorte ist etwas anders, die war früher auch schon mal belastet.
Also PCB ist vielleicht irgendwie ein Begriff. Das ist aber alles gereinigt und gespült worden. Da ist heute alles in Ordnung. Es sind riesige Aktionen gemacht worden, aber sonst technisch weiß ich, da war ein ganz, ganz alter Ölschalter drin verbaut. Den habe ich noch vor Augen, der hing, wenn man in die Tür reinkam, rechts. Solche Bauteile gibt es heute nicht mehr. Es gibt sie noch im Netz, aber gebaut werden sie schon seit Jahrzehnten nicht mehr.“
Und warum nicht?
„Weil die Technik vorangeschritten ist. Ingenieure, Entwickler haben neue Schalter konstruiert. Das ist auch eine Sache des Geldes. Ölschalter sind viel wartungsintensiver. Da muss man öfter das Öl auswechseln. Es gibt zum Beispiel für viele ganz alte Kundenanlagen überhaupt keine Ersatzteile mehr. Die sind schon quasi gezwungen, entweder so einen kleinen Würfel hinzustellen oder die ganze Technik in dem Gebäude auszuwechseln.“
Wie finden Sie es, dass das Trafoturm im LWL– Freilichtmuseum Detmold wieder aufgebaut wurde?
„Ich finde das sehr gut, weil Nachfolgegenerationen sehen können, wie es vor über 100 Jahren war. Was mir nicht gut gefällt, ist, dass der Turm nicht von innen ausgebaut ist. Nur so ein Gemäuer finde ich nicht so spektakulär.“
Zum Ausstellungsbeginn soll der Turm innen ausgebaut werden.
„Wenn so was ausgebaut würde, auch noch vielleicht mit der ältesten machbaren Technik – also mit blanken Schienen und so weiter – dann fände ich das viel interessanter.“
Und warum finden Sie es wichtig, dass man sich heute noch an solche Gebäude wie den Trafoturm aus Marsberg erinnert?
„Naja, die Erinnerung stirbt aus. Der Turm ist ja weg. Und ich sag mal, die Nachbarn, die jetzt vielleicht das Gebäude noch kennen, leben auch nicht ewig. Ich finde es aber interessant für Nachfolgegenerationen. Wie war es früher, wie ist es heute?“
Unsere letzte Frage: Gibt es etwas, das wir nicht gefragt haben, aber das Ihnen trotzdem im Zusammenhang mit dem Trafoturm wichtig ist?
„Eigentlich glaube ich, sind alle Sachen gefragt worden, die man eigentlich zu so einem Gebäude sagen kann. Vielleicht könnte man mal eine andere Tür da rein machen, weil die heute stammt nicht von 1920."
Ja, die kommt aber allerdings.
"Früher hatten die auch schon mal so einen Halbbogen oben drüber. Ich weiß nicht, ob diese Station das hat, die ist ja verputzt. Aber als dann irgendwann mal neue Türen gekommen sind, hat keiner mehr auch aus Kostengründen noch eine Tür mit Bogen oder so eingebaut."
Das Museum hat uns erzählt, dass die Tür früher einmal wegen einem technischen Umbau versetzt wurde?
"Ja, das könnte zum Beispiel damit zusammenhängen, dass der Trafo gewechselt wurde. Man hat damals einen Türausschnitt gehabt und den Trafo da reingeschoben. Und irgendwann musste ein größerer Trafo rein und die Tür war dann zu klein. Und schon hat man das Problem.
Auch interessant: Es gibt heute ja alte Türme, die sogar bewohnt sind oder umgebaut wurden. Das sind ganz tolle Projekte. Einer ist in Oesdorf zu sehen. Manche hat man in Nistplätze verwandelt für den Naturschutz. Ich weiß in Schmalenberg einen dreistöckigen Turm, da hat sich jemand ganz oben eine Mini–Eisenbahn eingebaut und darunter Heu für die Schafe und Geräte gelagert. Es wird schon genutzt.“