Interview mit Heinz Blome
Stellen Sie sich bitte kurz vor?
„Mein Name ist Heinz Blome, bin 84 Jahre alt, war Berufssoldat. Ich habe in der Nähe von diesem Objekt gewohnt. Es liegt schon sehr lange zurück. Wir stammen aus dem Ort Marsberg. Meine Eltern waren aber nach Hagen gezogen, der Arbeit nach, wie sich das früher gehörte. Wir sind in Hagen in den letzten Kriegstagen komplett ausgebombt worden und sind danach dann wieder zurück in die alte Heimat meiner Eltern gegangen. Wir hatten aber zur damaligen Zeit so gut wie gar nichts mehr, und es herrschte große Wohnungsnot. Das Wichtigste, was man damals brauchte, war ein Flüchtlingsausweis – um eine Wohnung zu bekommen. Den bekamen wir natürlich nicht. Wir waren ja praktisch „zu Hause“.
Bei Verwandten sind wir nur für Wochen untergekommen und sind dann wahrscheinlich im Sommer oder Herbst 1945 in Marsberg in die Marschstraße gezogen. In eine alte Baracke, die noch genauso aussah, wie sie verlassen wurde. Sie war gerade von russischen Kriegsgefangenen geräumt worden, die vorher auf dem naheliegenden Sägewerk arbeiten mussten. Zur gleichen Zeit suchten Flüchtlingsfamilien, beziehungsweise ehemalige Soldaten, die zum Teil aus Schlesien und Ostpreußen kamen, eine Wohnung. Es waren viele ehemalige kriegsversehrte Soldaten in Marsberg, weil hier aus einer der Heilanstalten ein großes Lazarett geworden war.
Viele von ihnen wollten dann auch 1945/46 nicht zurück in die Ostgebiete, sondern versuchten, ihre Familie in den Westen zu bekommen. Das heißt also, das einzige Gute war, wir waren alle ganz arme Leute. Wir hatten nichts. Wir haben dann insgesamt sechs Jahre in dieser Baracke gewohnt, von 1945/46 bis 1951, und da hat mein Vater, der selber Maurer war, sein eigenes Haus gebaut, und wir konnten aus diesem Elendsquartier raus. Wenn ich dieses Elendsquartier aber nicht gehabt hätte, wäre ich nie an dieser besagten Trafostation vorbeigekommen. Ich bin dann 1948 in die Schule gekommen und spätestens ab diesem Zeitpunkt zweimal täglich an dem Bauwerk vorbeigekommen.
Dieses „Trafohäuschen“, wie es bei uns damals hieß, wurde betrieben von der VEW, sprich Vereinigte Elektrizitätswerke Westfalen, die an dem Fluss Diemel zwei E-Werke betrieben. Das Bauwerk hatte eigentlich nur die Bedeutung, dass sie eine von der VEW betriebene Dynamo-Station an der Diemel war. Die Stromabgabe erfolgte an dieses Transformatorenhäuschen und dann in die Industriebetriebe, um die Maschinen zu versorgen. Zur damaligen Zeit gab es da ein relativ modernes Sägewerk, eine Schiefertafelfabrik und mehrere Kleinbetriebe, die natürlich alle Strom brauchten.“
Wann erinnern Sie sich zum ersten Mal bewusst an den Trafoturm?
„Ab Mitte 1945, besser dann um 1948. Also wir sind dahingezogen, da war ich ungefähr 4 oder 5 Jahre alt – in dem Alter war man noch frei, da war man König. In dem ganzen Gebiet waren nur Familien mit Mädchen in meinem Alter. Als 5- oder 6-Jähriger, der nur mit Mädchen spielen soll – das ist ein bisschen schwierig. Deshalb war ich froh, als ich zur Schule kam, weil es dort dann auch Jungen gab. Es gab ja noch keine gemischten Klassen zu der Zeit.
Wir waren eine katholische Volksschule, und da waren natürlich die Klassen immer getrennt, so wie sich das „gehört“. Ja, das heißt also, an diesem Turm bin ich täglich mehrere Male vorbeigekommen. Die Tür, wenn ich mich richtig erinnere, war es eine eiserne Tür, war eigentlich nur mal ab und zu auf, wenn Personal da irgendwo nach dem Rechten gucken musste oder, weiß der Teufel, wenn es Fehler gab.“
Haben Sie in den Turm hineingesehen?
„Ja, natürlich. Für mich war schon klar, dass das Transformatoren waren, aber relativ kleine. Ich habe in meinem Leben größere gebaut. Ich weiß auch nicht, ob da auch noch Strom von der weiter entfernten Diemel- Talsperre kam, aber das glaube ich nicht. Ich glaube, da kam nur Strom von den E-Werken aus Marsberg selber an. Ansonsten war das Ding uninteressant.
Aber mir war aufgefallen, dass das die große Pinkelstation für alle Arbeiter rundherum war. Ich habe auch schon von anderen Seiten gehört, dass das denen auch aufgefallen ist. Da hat man sich ja immer von drei Seiten geschützt und der Sicht entzogen gewähnt. Ich fand das ekelhaft, wenn man da vorbeigehen musste.
Der Turm selber stand innerhalb von zwei Straßen, wobei die obere Straße gepflastert war. Die untere Straße war die eigentliche Marschstraße. Wir haben immer gesagt, die heißt nicht Marschstraße, sondern Matschstraße. Zwischen den Straßen war eine Böschung. Eine Böschung von ungefähr 5 Metern, relativ steil runter. Und genau da stand der Turm dazwischen.
Dort fuhren die LKWs, und in der Nähe war auch eine Spedition, damals die Spedition Busch, die auch schon zwei bis drei LKWs hatte und relativ oft unterwegs war. Aber jetzt gibt‘s die Spedition wohl nicht mehr. Das war natürlich für mich als Kind unheimlich interessant, da lief ja immer was. Die hatten auch einen Trecker. Die machten mit dem Trecker die Bahnspedition. Das war auch sehr spannend.
Dann gab es noch die Schiefertafelfabrik. Ich glaube, die hieß ‚Futo‘. Ich erinnere mich irgendwann in der Zeit, als wir da wohnten, an die erste Begegnung mit einem Rundfunkwagen. Die Schiefertafelfabriken waren selbst für die damalige Zeit wohl relativ rar. Das war wohl die einzige im westfälischen Gebiet. Und die hatten irgendwann mal eine Direktübertragung von ihrer Fabrik aus, für ganz Westfalen. Dieser Übertragungswagen war unheimlich interessant. Da mal reingucken, das war zehnmal interessanter als das Trafohäuschen da.
Aber als Kind, zumindest wenn man ohne Erwachsene unterwegs war, konnte man überall hingehen. Der Holzplatz beim Sägewerk war sehr groß und spannend. Die Schiefertafelfabrik hatte rundherum einen Zaun, da kam man nicht rein. Da haben zur damaligen Zeit, schätze ich mal, 30 oder 40 Leute gearbeitet.
Zum Trafoturm selbst nochmal: Ich habe in Detmold miterlebt, wie der Turm hier im Museum aufgebaut wurde. Ich bin dann auch in der ersten Zeit sofort hingegangen und habe mir den Trafoturm angeguckt. Ich habe dann aber fälschlicherweise angenommen, das wäre der Turm von der Leitmarer Straße in Marsberg. Dort stand früher genau der gleiche Turm. Da habe mich aber jetzt durch euren Zeitungsaufruf belehren lassen müssen, dass das der Turm von der Marschstraße war.
Zu der Umgebung noch: Es gab im oberen Bereich der Marschstraße das Hotel ‚Deutsches Haus‘. Die nächsten, die da wohnten, war Familie Ising und ihre Mühle. Dann gab es rechts einen Schrottplatz, der für mich als Kind früher unheimlich spannend war. Man konnte da kurz nach dem Krieg viel finden. Ich habe dort viele Waffen gefunden. Zum Beispiel einen alten Schleppsäbel aus preußischer Zeit, ein Florettdegen, alte Musketen… weiß der Teufel, ich wäre froh, wenn ich das heute noch hätte, da hätte ich ein Museum aufmachen können.
Neben dem Schrottplatz gab es ein großes Gebäude von der Bahn, ein Wohnhaus, in dem die Leitung vom Bahnhof wohnte. Dann lag dahinter noch eine Futtermittelfabrik, die gehörte dem Sohn des Schrottplatzbesitzers. Und dann gab es eine ganze Menge leere Grundstücke, dahinter kam die Schlosserei Boxberger und auf der rechten Seite dann der Holzlagerplatz für das Sägewerk und Busches Spedition. Mehr gab es da nicht.“
Klingt aber gar nicht so wenig, eigentlich.
„Nein, das war ja eigentlich ein beginnendes Industriegebiet, und ich bin jetzt mittlerweile wieder einige Male da gewesen – ich kenne mich nicht mehr aus.“