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100. Geburtstag im Haus Stöcker

Annette Stöcker hätte im Mai 2026 ihren 100. Geburtstag gefeiert. Seit 2021 erzählen wir im Museum von ihrem Lebensalltag in den 1950er Jahren, den sie uns in vielen lebendigen Gesprächen geschildert hat.

Ein Familienalltag der 1950er Jahre kommt ins Museum

Es gibt viele Geschichten, die die Häuser hier im Freilichtgelände erzählen können, aber selten ergibt sich die Möglichkeit, mit ehemaligen Bewohnerinnen und Bewohnern ins Gespräch zu kommen. Das Haus Stöcker aus Burgholdinghausen (Kreis Siegen) ist so ein Fall. Das Wohnhaus wurde 1797 von Benjamin Moses erbaut und ab 1872 von mehreren Generationen der Familie Stöcker bewohnt. Anfang der 1960er wurde das inzwischen unbewohnte Fachwerkhaus nach aufwendiger Dokumentation vor der Zerstörung bewahrt und ins Freilichtmuseum transportiert.  

Fast 50 Jahre später wurde es in der Baugruppe Siegerländer Weiler wiederaufgebaut und zeigt nun den Alltag der letzten Bewohner des Hauses. Herbert und Annette Stöcker lebten zusammen mit ihrer Tochter Jutta und Herberts Mutter Pauline bis Ende der 1950er Jahre in dem kleinen Haus in Burgholdinghausen. Die letzten Modernisierungen lagen Jahrzehnte zurück, es gab kein Bad und das Vieh war im Wohnhaus untergebracht - und doch blitzte die Moderne an der ein oder anderen Stelle durch.

Dank der offenen und herzlichen Begegnungen mit Annette Stöcker und ihrer Tochter Jutta konnten wir einen lebendigen Einblick in diesen Lebensalltag der Familie gewinnen. Einige der originalen Einrichtungsgegenstände haben den Lauf der Jahre überstanden und konnten in die Sammlung des Museums übernommen werden.

 

Der Wiederaufbau des Hauses 2018 - 2021

Zusammenbau einzelner Hölzer des Fachwerks

Ein XXL-Puzzle

Bereits ein Jahr vor Baubeginn begannen die Vorbereitungen für den Aufbau des Hauses. Die einzelnen Hölzer des Fachwerks wurden gesichtet und Wand für Wand ausgelegt. Das war im wahrsten Sinne des Wortes ein Puzzle für Große. Die beim Abbau des Gebäudes 1963 erstellten Zeichnungen und Nummerierungen waren dabei sehr hilfreich. Jedes Holz fand seinen angestammten Platz.

Einzelne Bauhölzer wurden wenn nötig restauriert. Es sollten so viele Originalteile wie möglich erhalten werden. Doch wurden auch neue Schnitzereien angefertigt, Reparaturen an Ständern und der Einbau von neuen Hölzern vorgenommen.

Es wird gebaggert

Das Fachwerkhaus sollte in der Baugruppe Siegerländer Weiler errichtet werden, ein Bereich im Südosten des Museumsgeländes. Die Gestaltung des Weilers orientiert sich an einem historischen Siedlungsplan des Ortes Obernau, der 1968 für den Bau einer Talsperre weichen musste.

Im September 2018 begannen die Erdarbeiten für die Dorfstraße und das Fundament des Hauses Stöcker. Der Bagger grub sich Stück für Stück durch das Gelände.

Die Dorfstraße ist 175 Meter lang, etwa 4 Meter breit und umfasst eine Fläche von ca. 780 m². Das Haus Stöcker hat eine Grundfläche von etwa 100m². Insgesamt wurden hier rund 1.000m² Fläche bearbeitet.

Stein auf Stein

Das Haus Stöcker hatte ursprünglich Streifenfundamente aus Bruchstein. An seinem neuen Standort erhielt es Streifenfundamente aus Beton, um die Standsicherheit des Gebäudes zu gewährleisten.

Innerhalb einer Woche wurden die Gräben ausgehoben und drei Tonnen Bewehrungsstahl eingebaut. Anschließend verbauten die Betonmischer in kürzester Zeit rund 35m³ Beton.

Im Anschluss konnte der Bruchsteinsockel angelegt werden. Abweichend von der Historie wurde entschieden, eine einheitliche Betonplatte über den Sockel zu ziehen. Dies ersparte die Unterschalung für die Betonarbeiten. 

Das Richten des Fachwerks

Nachdem der Mauersockel Mitte 2019 fertig gestellt wurde, konnte nun das Fachwerkgebäude darauf errichtet werden. Für die Durchführung der Arbeiten über eine Höhe von zwei Geschossen wurde zunächst ein Gerüst aufgestellt. 

Die Zimmerleute begannen im Anschluss mit dem Auslegen der Grundschwellen auf dem Sockel. Darauf wurden dann die einzelnen weiteren Konstruktionselemente aufgestellt, wie Ständer, Streben, Riegel, Rähme und Deckenbalken. 

 

Letzte Außenarbeiten

Nachdem das Fachwerk gerichtet worden war, wurden die Gefache geschlossen. Gleichzeitig begann die Verarbeitung von Fußbodenbrettern für 150m² Dielen und die Vorbereitungen zum Aufbau des Dachstuhls.

Die Dachkonstruktion besteht aus dem Dachstuhl, den Sparrenpaaren mit Kehlbalken und den beiden Giebeldreiecken. Alles muss miteinander verbunden sein, damit die Konstruktion stabil und sicher steht. 

Die Decke zum Dachboden wurde ebenfalls rekonstruiert: In die vorhandenen seitlichen Nuten der Balken wurden Bretter eingeschoben und darauf eine 8 cm dicke Lehmschicht aufgebracht und verdichtet.

Auch die original erhaltenen Türen und Fenster des Hauses wurden restauriert, fehlende nachgebaut und dann im Gebäude verbaut. 

Die Innenausstattung

Parallel zur Restaurierung und Wiedererrichtung des Hauses wurde mit der Planung zur Ausgestaltung der Innenräume begonnen. Schnell wurde aufgrund der Zeitzeuginnen-Gespräche mit Annette Stöcker entschieden, dass der Fokus in den 1950er Jahren und ihrer ganz persönlichen Geschichte liegen soll. Das Spannungsfeld zwischen rückständigem und einfachem Alltag und dem Wunsch nach Modernität ist sehr zeittypisch. 

Die Einfachheit zeigt sich besonders in der Enge des Hauses und auch in den fehlenden sanitären Anlagen. Es gibt nur einen Raum mit fließend Wasser und ein “Plumpsklo” im Stallbereich. Die Familie versucht dennoch, sich durch auch kostspielige moderne Anschaffungen, wie einen Fernseher, das Leben zu verbessern.

Um den Besucher:innen den Alltag der Familie näherzubringen, haben wir uns für die Darstellung eines Tagesablaufes entschieden. Die harte Arbeit in der kleinen Landwirtschaft im Nebenerwerb, die den überwiegenden Teil der Versorgung der Familie erbrachte, wurde oft von den Frauen alleine getragen. 

Die Einrichtung von Haus Stöcker im Zustand der späten 1950er Jahre gibt Einblicke in das dörfliche Leben der Nachkriegszeit. Der Übergang in die Modernität der 1960er und Folgejahre soll durch den Ausbau des Siegerländer Weilers zunehmend präsent im Freilichtgelände werden.

Ein Haus voller Geschichte

Das Fachwerkhaus in Burgholdinghausen, das die Familie Stöcker fast 90 Jahre lang bewohnte, erzählt die Geschichte von vier Generationen. Es zeigt die Herausforderungen, den Wandel ländlicher Lebensweisen und die Anpassungsfähigkeit seiner Bewohnerinnen und Bewohner. 

Als wir das Haus 2018 - 2021 im Freilichtgelände wiederaufbauten, konnte anhand der Baustrukturen einiges der Nutzungsgeschichte belegt und aufgearbeitet werden. 

Der Beginn einer langen Pachtgeschichte

Im Jahr 1871 endete das Pachtverhältnis der jüdischen Familie Meier, die das Haus seit 1841 pachtete. Der Freiherr von Fürstenberg suchte einen neuen Pächter für das kleine Fachwerkhaus in Burgholdinghausen. Der neue Bewohner sollte nicht nur das Haus und das Gartenland bewirtschaften, sondern auch für die Rentei – die Verwaltung des Freiherrn – arbeiten. Die Wahl fiel schließlich auf Ludwig Stöcker, einen 49-jährigen Zimmermann und Platzmeister.

Ludwig Stöcker zog 1872 mit seiner Frau Justine Birkelbach und den Söhnen Heinrich und Wilhelm in das zweigeschossige Haus ein. Neben seiner Arbeit für die Rentei übernahm Ludwig auch gelegentlich Holzhauerarbeiten für den Freiherrn. Der erste Pachtvertrag wurde mit einer Laufzeit von fünf Jahren und einer jährlichen Pacht von 56 Talern abgeschlossen. Das Haus selbst war einfach ausgestattet: Eine Inventarliste von 1884 nennt drei steinerne Kuhtröge und eine eiserne Wasserpumpe – Gegenstände, die über Generationen hinweg erhalten blieben.

Das Dach des Hauses war mit Stroh gedeckt. 1885 setzte sich Ludwig Stöcker für eine Neudeckung mit Ziegelsteinen ein.

Ein Handwerker als Pächter

Nach dem Tod von Ludwig Stöcker im Jahr 1887 übernahm sein Sohn Heinrich die Pacht des Hauses. Heinrich war Handwerker, Maurer und Bergmann. Gemeinsam mit seiner Frau Karoline führte er das Anwesen weiter. Das Ehepaar hatte drei Kinder: Emma, Ernst und Auguste. Auch Heinrichs Bruder Wilhelm, ein lediger Grubenarbeiter, lebte mit ihnen im Haus und bewohnte ein Zimmer im Obergeschoss.

Heinrich zeigte großes handwerkliches Geschick, das er auch für Verbesserungen am Haus nutzte. So beantragte er im Jahr 1900, den Stall zu vergrößern, da der bisherige Platz nicht mehr ausreichte. Er führte die Maurer- und Erdarbeiten selbst aus und der Stall wurde um 4,5 Meter verlängert. Auch die Küche erlebte durch Heinrichs Einsatz eine Modernisierung: Mit dem Einbau eines Schornsteins im Jahr 1904 wurde die offene Herdstelle durch eine Kochmaschine ersetzt und eine Zwischendecke verlieh der bis dahin hohen Küche eine neue Funktionalität. Im Obergeschoss entstand über der Küche eine Räucherkammer, die das Leben auf dem Hof weiter erleichterte.

Rückkehr nach Burgholdinghausen

Im Jahr 1921 zog Heinrichs Sohn Ernst Stöcker mit seiner Frau Pauline Groos und den Kindern Luise und Herbert zurück nach Burgholdinghausen. Ernst arbeitete bei der Staatseisenbahn, zunächst als Schaffner und später als Lokführer. Bereits vor seinem Umzug hatte Heinrich Stöcker eine Pachtüberschreibung auf Ernst beantragt, doch diese erfolgte erst 1931.

Die Lebensverhältnisse im Haus waren zu dieser Zeit geprägt von beengtem Raum. Trotz der allgemeinen guten Substanz des Gebäudes bereitete das inzwischen 46 Jahre alte Dach Probleme. In den 1930er-Jahren wurden umfangreiche Sanierungsarbeiten an Türen, Fenstern, Wänden und Putz sowie das Anbringen einer Wandverkleidung aus Pfannenblech durchgeführt. Welche der geplanten Arbeiten tatsächlich umgesetzt wurden, ist jedoch unklar.

Zudem wurde ein zweiter Schornstein eingebaut und möglicherweise in diesem Zuge die Küche nach vorne verlegt. Diese Arbeiten verdeutlichen, wie sich das Haus im kleinem an die Ansprüche der Zeit anpasste.

Die vierte Generation: Herbert und Annette Stöcker

Nach dem Tod von Ernst Stöcker im Jahr 1948 übernahm sein Sohn Herbert die Pacht. Ein Jahr später heiratete er Annette Sänger, die aus einem modernen, städtisch geprägten Haushalt stammte. Das frisch verheiratete Ehepaar zog zu Herberts Mutter Pauline in das Haus in Burgholdinghausen. Für eine Hochzeitsreise blieb dem Paar keine Zeit - gleich am Tag nach der Trauung begann für Annette und alle anderen Familienmitglieder der Alltag.

Besonders für Annette Stöcker bedeutete der Umzug einen Rückschritt. Das Leben im kleinen Fachwerkhaus war für sie zunächst ungewohnt: Fließendes Wasser gab es nur in einem einzigen Raum und der Stall lag direkt neben dem Wohnbereich, was den Geruch der Tiere ins ganze Haus trug. Annette gab ihre Stellung als kaufmännische Angestellte auf und widmete sich nun ganz der Versorgung von Haus und Hof. Die finanzielle Situation der Familie war durch das Einkommen Herbert Stöckers als Postbeamter solide und so konnten moderne Geräte, wie unter anderem ein Kühlschrank und ein Fernsehapparat angeschafft werden. Auch am Gebäude selbst und in der Landwirtschaft gab es einige Neuerungen. 

Annette und Pauline erledigten die meisten Arbeiten im Haus und Garten. Herbert war oft beruflich unterwegs und so trugen die Frauen die Hauptlast der Landwirtschaft. Trotz der Erneuerungen blieben die Lebensverhältnisse der Familie schlecht und beengt und sie entschieden sich 1958 nach Littfeld in ein moderneres Haus zu ziehen.

 

Die fotografischen Aufzeichnungen von Herbert Stöcker

Herbert Stöcker hat leidenschaftlich fotografiert und so ergibt sich ein ganz besonderer Einblick in das Familienleben der Familie Stöcker in den 1950er- und 1960er-Jahren. Deutlich wird auf den Fotografien aus Burgholdinghausen der Gegensatz zwischen den ländlichen, zum Teil auch beschwerlichen Verhältnissen und dem Einzug der Moderne. 

Die Fotografien zeigen, dass die Familie mit besonderem Fokus auf die 1950 geborene Tochter Jutta trotz aller Einschränkungen viele glückliche Momente in Burgholdinghausen erlebt hat.

Einen Einblick in die zahlreichen Familienfotos gibt ein digitales Fotoalbum im Haus Stöcker.

 

Objekte der Sammlung Stöcker

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